Kundalini
Die Kundalini ist in der hinduistischen tantrischen Tradition eine feinstoffliche Energie, die als an der Basis der Wirbelsäule (Muladhara-Chakra) zusammengerollte Schlange dargestellt wird. Ihr Erwachen und ihr Aufsteigen entlang der Zentralachse sollen die Grundlage der yogischen Erleuchtung bilden.
Herkunft und Etymologie
Das Sanskritwort kundalinî bedeutet die Eingerollte, weibliche Form von kundali (Ring, Spirale). Das Konzept erscheint in mittelalterlichen Tantra-Texten, insbesondere im Hatha Yoga Pradipika (15. Jh.), das Svatmarama zugeschrieben wird, im Goraksha Shataka Gorakhanaths und im Shat-chakra-nirupana (16. Jh.) Purnanandas. Die Kundalini wird darin als Schlangengöttin (nagini) beschrieben, die im Muladhara-Chakra schläft und durch präzise Yogapraktiken geweckt werden kann: Körperhaltungen, Atemkontrolle (Pranayama), Verschlüsse (Bandha), Mantrarezitation. Ziel ist die Vereinigung von Shakti (weibliche Energie, Kundalini) mit Shiva (männliches Bewusstsein) im Sahasrara-Chakra.
Entwicklung und Tradition
Die Kundalini-Lehre wird in der nichtdualen tantrischen Tradition Kaschmirs (Abhinavagupta, 11. Jh.) und im mittelalterlichen Hatha-Yoga kodifiziert. Die westliche Verbreitung beginnt im frühen 20. Jahrhundert vor allem dank Sir John Woodroffe (alias Arthur Avalon), der 1919 The Serpent Power veröffentlicht, eine kommentierte Übersetzung des Shat-chakra-nirupana. Carl Gustav Jung widmet 1932 ein Seminar der Psychologie des Kundalini-Yoga. Gopi Krishna veröffentlicht 1967 einen persönlichen Bericht über sein Kundalini-Erwachen, der viele westliche Praktizierende anregt. Das Sahaja Yoga von Nirmala Srivastava (1923-2011) und das Kundalini-Yoga von Yogi Bhajan (1929-2004) haben moderne Praktiken verbreitet.
Praktische Anwendung
Das Erwachen der Kundalini wird traditionell durch eine lange, begleitete Arbeit erreicht: Hatha-Yoga-Haltungen, Atemübungen, Meditationen über die Chakras, Mantrarezitation. Die Weitergabe durch einen kompetenten Meister (Guru) gilt in den klassischen Schulen als wesentlich. Auf Tarotoui ist die Kundalini unter den traditionellen spirituellen Begriffen dokumentiert. Moderne westliche Praktiken (Kundalini-Yoga von Yogi Bhajan) bieten kurze, auch für Anfänger zugängliche Serien (Kriya) an. Viele erfahrene Praktizierende empfehlen große Vorsicht: Ein schlecht begleitetes Erwachen kann anhaltende ängstliche oder körperliche Symptome erzeugen.
Zur Vertiefung
Die klinische psychiatrische Literatur (Bonnie Greenwell, Energies of Transformation, 1990) hat Kundalini-Erwachens-Syndrome bei einigen intensiv Praktizierenden dokumentiert: Unruhe, Schlaflosigkeit, Schmerzen, veränderte Wahrnehmungen. Kundalini mit automatisch positiver mystischer Erfahrung zu verwechseln, ist eine gefährliche Vereinfachung. Beachten Sie auch, dass die westliche Lesart die strenge religiöse und rituelle Dimension der ursprünglichen tantrischen Praxis häufig getilgt hat.