Glossar Mythologie

Atlantis

Atlantis ist eine legendäre Insel, die der griechische Philosoph Platon in seinen um 360 v. u. Z. verfassten Dialogen Timaios und Kritias beschreibt. Eine fortgeschrittene, in einer Nacht von den Fluten verschlungene Zivilisation, ist sie in der westlichen Esoterik zum archetypischen Symbol verlorener Weisheiten und verschwundener Kontinente geworden.

Herkunft und Etymologie

Die Gründungserzählung findet sich in zwei späten Dialogen Platons. Im Timaios (24e-25d) berichtet Kritias eine Geschichte, die Solon in Ägypten von den Priestern von Saïs gesammelt haben soll. Der unvollendete Kritias bietet die ausgearbeitete Fassung: eine Insel größer als Libyen und Asien zusammen, gelegen jenseits der Säulen des Herakles (Gibraltar). Das atlantische Reich soll von Poseidon gegründet worden sein, jahrhundertelang geblüht haben, dann in Verderbnis verfallen sein, bevor es Athen angriff. Auf seine Niederlage folgt eine Katastrophe, die es in einer einzigen unheilvollen Tages- und Nachtfolge verschlingt, etwa 9000 Jahre vor Platon (also um 9600 v. u. Z.).

Entwicklung und Tradition

Schon in der Antike spaltet die Erzählung. Aristoteles, Schüler Platons, scheint zu zweifeln (laut Strabon: derjenige, der sie erschaffen hat, hat sie auch verschwinden lassen). Plutarch und Proklos diskutieren darüber. In der Renaissance entdecken die Europäer den Text wieder und projizieren ihn auf die Neue Welt: Francisco López de Gómara (1552) und Francis Bacon (Nova Atlantis, 1627) erkennen darin Amerika. Im 19. Jahrhundert veröffentlicht Ignatius Donnelly Atlantis: The Antediluvian World (1882), einen Bestseller, der den modernen Mythos begründet. Die Theosophie Blavatskys macht es zur Wiege der vierten Wurzelrasse. Edgar Cayce liefert ab 1923 Hunderte von Lesungen über Atlantis. Im 20. Jahrhundert prägt der Mythos die Populärkultur: Jules Verne, Conan Doyle, Lovecraft, Disney.

Praktische Anwendung

In der zeitgenössischen Esoterik wirkt Atlantis als Archetyp einer früheren Menschheit, die verlorene Kenntnisse besaß: energetische Kristalle, vibratorische Technologien, feinstoffliche Medizin. Bestimmte Akasha-Lesungen oder hypnotische Rückführungen beanspruchen, frühere atlantische Leben aufzufinden. Auf Tarotoui finden Sie keine eigens atlantischen Legungen, doch die Symbolik des Versinkens, des Sturzes und des verschütteten Gedächtnisses bleibt relevant für die Deutung bestimmter Karten (Der Turm, Der Mond, Der Gehängte), wenn sich in einer Lesung die Dimension eines zivilisatorischen oder persönlichen Zusammenbruchs zeigt.

Zur Vertiefung

Heutige Historiker und Archäologen betrachten Atlantis als einen von Platon geschmiedeten pädagogischen Mythos, der die Gefahren der politischen Hybris veranschaulichen soll: die verdorbene Stadt, die das tugendhafte Athen besiegen muss. Mehrere Hypothesen versuchen einen historischen Untergrund: der Ausbruch des Vulkans von Thera (Santorin) um 1600 v. u. Z., der das minoische Kreta verwüstete, oder eine schlichte mythische Verstärkung der Stadt Tartessos. Kein ernsthafter archäologischer Beleg bestätigt das platonische Atlantis. Die Erzählung bleibt eine literarische Schöpfung von außergewöhnlicher allegorischer Wucht.

Synonyme und verwandte Begriffe : Atlantis, verlorener Kontinent, Platon, Timaios, Kritias, versunkene Zivilisation