Glossar Mythologie

Archetyp

Ein Archetyp ist in der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs eine angeborene, allgemeine psychische Struktur, die der Menschheit gemeinsam ist und sich in wiederkehrenden Bildern, Figuren und Erzählungen in Mythen, Religionen und Träumen ausdrückt.

Herkunft und Etymologie

Das Wort stammt vom griechischen arkhetupon, gebildet aus arkhê (Anfang, Prinzip) und tupos (Abdruck, Modell). Der Begriff erscheint bei Philon von Alexandrien im 1. Jahrhundert n. u. Z., dann bei Dionysius Areopagita und Augustinus zur Bezeichnung der ursprünglichen Ideen im göttlichen Denken. Carl Gustav Jung (1875-1961) macht ihn ab 1919 zum zentralen Begriff seiner analytischen Psychologie und entwickelt ihn systematisch in Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (Sammelband 1934-1954). Für Jung bewohnen die Archetypen das kollektive Unbewusste, eine allen Menschen gemeinsame psychische Struktur, die sich vom persönlichen freudschen Unbewussten unterscheidet. Die wichtigsten von Jung identifizierten Archetypen sind Anima, Animus, Schatten, Selbst, Persona, das göttliche Kind, der alte Weise.

Entwicklung und Tradition

Jungs Schüler haben seine Kartographie fortgeführt. Erich Neumann legt in Ursprungsgeschichte des Bewusstseins (1949) eine archetypische Genealogie der Psyche vor. Joseph Campbell entfaltet in Der Heros in tausend Gestalten (1949) die Mythen der Welt rund um den Archetyp der Heldenreise. Marie-Louise von Franz wendet das archetypische Raster auf Märchen an. James Hillman begründet die archetypische Psychologie, die die Figuren vervielfacht und ihre Reduktion auf ein einziges Raster ablehnt. Das Konzept hat die klinische Psychologie weit überschritten und prägt Literaturkritik, Mythenkritik (Gilbert Durand), Marketing (Carol Pearson) und die heutige Tarotpraxis (Sallie Nichols, Mary Greer).

Praktische Anwendung

In der Tarotpraxis, besonders seit Sallie Nichols und ihrem Jung und der Tarot (1980), wird jedes Große Arkanum gewöhnlich als Verkörperung eines Archetyps gelesen: der Narr als Archetyp des unschuldigen Wanderers, die Herrscherin als Große Mutter, der Gehängte als initiatorisches Opfer und so fort. Auf Tarotoui greifen die Tarotkarten oft auf dieses jungsche archetypische Raster zurück. Einen Archetyp in einer Situation zu erkennen, hilft, Abstand zu gewinnen und zu verstehen, was sich erneut vollzieht. Die meditative Praxis kann auch im inneren Zwiegespräch mit einer archetypischen Figur bestehen.

Zur Vertiefung

Der wissenschaftliche Status der Archetypentheorie bleibt umstritten. Zeitgenössische kognitionsorientierte Psychologen stellen die Existenz eines kollektiven Unbewussten im jungschen Sinn in Frage. Archetyp und Stereotyp zu verwechseln, ist ein häufiger Fehler: Ein Stereotyp ist ein erstarrtes kulturelles Bild, ein Archetyp eine tiefe dynamische Struktur. Beachten Sie auch, dass die Liste der Archetypen nicht abgeschlossen ist: Jung selbst variierte in seinen Aufzählungen.

Synonyme und verwandte Begriffe : archetypische Figur, Urbild, kollektives Unbewusstes, universales Modell