Ankh
Das Anch (☥), auch Henkelkreuz oder Lebenskreuz genannt, ist eines der bekanntesten Hieroglyphensymbole des alten Ägypten. Bestehend aus einer auf ein T-Kreuz gesetzten ovalen Schleife, stellt es das ewige Leben dar und erscheint in der Hand der Götter und Pharaonen auf unzähligen Fresken und Stelen.
Herkunft und Etymologie
Das ägyptische Wort ânch (𓋹) bedeutet wörtlich Leben. Das Zeichen ist seit der 1. Dynastie (um 3100 v. u. Z.) auf den Stelen der ersten Pharaonen in Abydos bezeugt. Sein bildlicher Ursprung bleibt umstritten. Sir Alan Gardiner vermutet in seiner maßgeblichen Grammatik (1927), es handle sich um die stilisierte Darstellung einer Sandale, wobei die Schleife den um den Knöchel geschlungenen Riemen abbildet — eine auf der Homophonie zwischen ânch (Leben) und ânch (Sandale) beruhende Hypothese. Andere Ägyptologen wie E. A. Wallis Budge sehen darin einen rituellen Knoten, einen Spiegel der Hathor oder gar die symbolische Verschmelzung des männlichen und weiblichen Prinzips.
Entwicklung und Tradition
In der ägyptischen Ikonographie wird das Anch von den Gottheiten getragen und den Verstorbenen an die Nase gehalten, um ihnen Leben über den Tod hinaus einzuhauchen. Isis, Osiris, Anubis und Re werden mit dem Anch an der Schleife dargestellt. Auf den Wandmalereien überreichen die Götter den Pharaonen das Anch als Zeichen göttlicher Legitimität. Mit der Ausbreitung des Christentums in Ägypten übernahm die koptische Kirche ab dem 4. Jahrhundert eine Form des Anch als Variante des christlichen Kreuzes (crux ansata) — der heilige Antonius, der erste Mönch der Wüste, verwendete es bereitwillig. Im 20. Jahrhundert wurde das Anch zu einem okkulten und hippiehaften Symbol: Ab den 1960er Jahren blüht es in der New-Age-Gegenkultur, der Gothic-Bewegung und der alternativen Musik.
Praktische Anwendung
In der zeitgenössischen Esoterik wird das Anch als Schmuckstück getragen, um Schutz, Vitalität und die Verbindung zum Heiligen zu symbolisieren. New-Age-Praktiken schreiben ihm eine Rolle als Energieverstärker zu, mitunter in der Meditation genutzt: Ein Anch zwischen den Händen zu halten, soll erlauben, die Lebensenergie zu kanalisieren. Die Thelema Aleister Crowleys greift das Anch als Symbol der Vereinigung der Prinzipien auf — die Schleife (weiblich) und das Kreuz (männlich). Auf Tarotoui erscheint das Anch in mehreren Decks ägyptischer Inspiration, namentlich im Egyptian Tarot von Saint-Germain (1901), als wiederkehrendes Attribut der neu interpretierten Großen Arkana.
Zur Vertiefung
Das Anch wird mitunter mit anderen ägyptischen Kreuzen wie dem Djed (Pfeiler des Osiris, Stabilität) oder dem Tyet (Isisknoten, weiblicher Schutz) verwechselt. Heutige Ägyptologen (Jan Assmann, Christiane Desroches-Noblecourt) betonen die Notwendigkeit, das Zeichen in seinen genauen rituellen Kontext einzuordnen: Es war in Ägypten nie ein individuelles Amulett, das wie heute getragen wurde. Der gegenwärtige Gebrauch ist daher eine moderne Aneignung, was seiner evokativen Kraft nichts nimmt.