Futhark
Das Futhark ist das von den alten Germanen verwendete Runenalphabet, benannt nach seinen ersten sechs Buchstaben: F-U-Th-A-R-K. Man unterscheidet vor allem das ältere Futhark mit 24 Runen, vom 2. bis ins 8. Jahrhundert in Gebrauch, und das jüngere Futhark mit 16 Runen aus der Wikingerzeit.
Herkunft und Etymologie
Die ältesten bekannten Runeninschriften in der Schrift des älteren Futhark stammen aus dem 2. Jahrhundert n. u. Z. Die Ursprünge des Runenalphabets bleiben umstritten: Die meisten Fachleute leiten es von einem norditalischen Alphabet wie dem etruskischen oder rätischen ab, das über alpine Handelswege zu den germanischen Stämmen gelangt sei. Das ältere Futhark zählt 24 Zeichen, verteilt auf drei aettir (Familien) zu je acht Runen. Jede Rune trägt einen bedeutungsvollen Namen: Fehu (Vieh, Reichtum), Uruz (Auerochse, Kraft), Thurisaz (Riese, Prüfung) und so fort. Der Runenstein von Kylver auf der schwedischen Insel Gotland (5. Jh.) trägt die älteste belegte vollständige Reihe.
Entwicklung und Tradition
Um das 8. Jahrhundert vereinfacht sich das ältere Futhark zum jüngeren Futhark mit 16 Runen, um sich der nordgermanischen Sprache der Wikingerzeit anzupassen. Parallel dazu erweitert das angelsächsische Futhorc auf britischem Boden den Bestand auf bis zu 33 Runen. Die Runen dienten zunächst der Schrift: Gedenkinschriften, Markierung von Gegenständen, kurze Botschaften. Ihr divinatorischer Gebrauch ist umstrittener: Tacitus beschreibt im 1. Jahrhundert in der Germania einen germanischen Ritus, bei dem mit Zeichen versehene Stäbe geworfen werden, gelegentlich als Runengebrauch gedeutet. Die heutige divinatorische Dimension der Runen ist im 20. Jahrhundert weitgehend rekonstruiert worden, insbesondere durch Guido von List und später Ralph Blum in The Book of Runes (1982).
Praktische Anwendung
Der heutige divinatorische Gebrauch stützt sich vor allem auf das ältere Futhark mit 24 Runen. Der Fragende stellt eine Frage, mischt die Runen (in der Regel auf Stein, Holz oder Knochen graviert) und zieht je nach gewählter Legung eine, drei, fünf oder mehr. Jede Rune wird nach ihrer rekonstruierten traditionellen Bedeutung und nach ihrer Ausrichtung (aufrecht oder umgekehrt) gedeutet. Auf Tarotoui sind die Runen des älteren Futhark als ergänzendes divinatorisches System zum Tarot verfügbar. Klassische Legungen sind die Drei-Runen-Legung (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) und das Runenkreuz mit fünf Positionen.
Zur Vertiefung
Der systematisch divinatorische Charakter der alten Runen ist schlecht dokumentiert. Universitäre Runologen wie Ralph Elliott oder Michael Barnes betonen, dass die Quellen zum orakelhaften Runengebrauch lückenhaft bleiben. Die heutige Praxis verbindet historische Rekonstruktion mit moderner Kreativität. Beachten Sie auch, dass manche Runen im 20. Jahrhundert von der nationalsozialistischen Ideologie missbraucht wurden, was ihre Wahrnehmung belastet: Die Rune Sowilo wurde insbesondere von der SS verwendet.